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Aus der Geschichte von Grabs

Aus der Geschichte von Grabs

Grabs ist eine alte Siedlung; ihr Ursprung reicht in die Antike zurück. Das Dorf liegt weitab vom Rhein, in einer Einbuchtung der linken Talseite auf den Schwemmfächern des Grabser- und des Studnerbachs. Schriftliche Zeugnisse sind aus der Vorzeit nicht erhalten, aber es ist anzunehmen, dass das Gebiet schon seit Urzeiten bewohnt oder zumindest begangen worden ist. Darauf lassen steinzeitliche Funde in der Umgebung von Grabs, der Fund eines Bronzebeils auf Pir am Studnerberg und eines in der Alp Ischlawiz bei der Nideri schliessen. Auf dem Pirbühel aber kam eine Brandschicht zum Vorschein, die sich in der Bronzezeit auf etwa 1'200-1'400 v. Chr. datieren liess.

Kurz vor Beginn unserer Zeitrechnung eroberten römische Truppen das Gebiet der nachmalichen Provinz Rätien, also auch unser Rheintal. Eine Heerstrasse führte von Italien über Splügenpass, Chur und Luziensteig durch Liechtenstein und das Vorarlberger Rheintal nach Bregenz; dazu kam später wohl auch eine linksrheinische Route vom Bodensee nach Sargans. Zur Sicherung ihrer Verkehrswege bauten die Römer feste Wachttürme; aber auch später wurden solche Befestigungen angelegt. In unserer Gemeinde kommt der Name Gästelen (aus lateinisch castellum) gleich zweimal vor, nämlich am untersten, hinteren Grabserberg sowie im Winkel zwischen Studner- und Buchserberg, über dem Oberen Gatter. An beiden Orten findet sich eine auffällige Hügelkuppe als einstiger Standort des Wehrbaues.

Mit der Zeit übernahmen die alteingesessenen Bewohner die lateinische Verkehrssprache, und daraus entstand nach und nach die rätoromanische oder churwelsche Sprache, die in unserem Raum (einschliesslich Liechtensteins und Südvorarlbergs) teils bis ins Hochmittelalter gesprochen wurde. Noch heute weisen viele heimische Orts- und Flurnamen auf diese Verhältnisse hin. Dazu gehören Alpnamen wie Gamperfin, Gampernei, Isisiz, Flurnamen wie Iverturst, Muntaschin oder Aferschnära, und auch der Name Grabs selbst, der auf lateinisch caput rapidae «Beginn (Ende) eines starken Baches» zurückgeht.

Das Christentum fand früh Eingang in die Alpentäler. Schon als Gallus auf seiner Flucht vor dem Schwabenherzog Gunzo im Jahre 614 nach Grabs kam, fand er hier eine christliche Gemeinde vor, der ein Diakon Johannes vorstand. Dieser wurde bald danach auf Empfehlung von Gallus zum Bischof von Konstanz berufen. Die Flucht nach Grabs, wo das Christentum viel tiefere Wurzeln besass als unter den Alemannen des Bodenseeraums, war eine wichtige Station im Leben von Gallus: Hier entschied er sich, an die Steinach zurückzukehren und dort seine Zelle zu begründen. Hier, in Grabs, wurde also der Grund gelegt für die Entstehung von Kloster und Stadt St. Gallen.

Von Norden her drängten seit dem Frühmittelalter die Germanen gegen die Grenzen des nach und nach zerfallenden west­römi­schen Reiches. Das Gebiet nördlich des Hirschensprungs kam zu Alemannien und wurde rasch verdeutscht; unser Talabschnitt aber gehörte weiter zu Churrätien und wurde so politisch und sprachlich zum Grenzgebiet. Um das Jahr 860 verkauften Petrus von Grabs und seine Kinder Valerius und Silvana dem Auderamnus, wohnhaft in Salez, einen Hof in Grabs («in fundo Quara­uedes»). Der Vertrag wurde vom Priester Laveso geschrieben und von elf Zeugen unterzeichnet, unter denen einige bereits alemannisch-deutsche Namen trugen.

Der Prozess des Sprachwechsels beschleunigte sich, als nach der Jahrtausendwende aus dem schwäbischen Geschlecht der Uodalrichinger die Grafen von Montfort und aus diesen die Grafen von Werdenberg hervorgingen, unter deren Herrschaft Werdenberg nun länger stand. Das Schloss Werdenberg gehörte samt dem Städtchen zum Kirchspiel Grabs, welches die grösste Gemeinde der Grafschaft war. Nach dem Niedergang des Adelsgeschlechts (nach 1483) herrschten in kurzer Folge verschiedene Herren auf dem Schloss. Ende des 15. Jahrhunderts wurde unsere Gemeinde auch in die Wirren des Schwabenkrieges hinein­gezogen.

Zusammen mit Buchs, Sevelen und Teilen von Wartau kam Grabs im Jahr 1517 als Landvogtei Werdenberg unter glarnerische Oberhoheit. Liess sich das Verhältnis zu den neuen Landesherren anfänglich noch gut an, so verschlechterte es sich doch bald. Der zum grösseren Teil reformierte Stand Glarus liess auch in Werdenberg die Reformation zu (es galt der Grundsatz «cuius regio eius religio» - wessen Herrschaft, dessen Religion). Von der «christlichen Freiheit» erwarteten nun aber die Anhänger der neuen Lehre in Werdenberg - wie auch anderswo - auch die Befreiung von den Lasten der Untertanenschaft. Sie verweigerten Leistungen und Gehorsam und wollten dem Land Glarus nur die liegenden Güter lassen. So kam es schon 1524/25 zum Aufruhr, allerdings ohne Erfolg. Die Werdenberger büssten in der Folge einige Freiheiten ein und wurden (gemäss dem «Verzeih- und Gnadenbrief») gezwungen, sich gänzlich unterwerfen. Die Burger und Landleute von Werdenberg mussten gar ihr Fähnlein (schwarzer Pfau im silberweissen Feld) an Glarus abgeben. Erst 1565 erhielten sie ihr Wahrzeichen aufgrund jahrelangen «Wohlverhaltens» wieder zurück (was im sog. «Fähnlibrief» festgehalten wurde).

Nach 1700 kam es erneut zur Konfrontation mit den Glarner Herren: Diese forderten die in Werdenberg liegenden Urkunden ein unter dem Vorwand, diese in Glarus einer Kontrolle unterziehen zu müssen. Als diese Schriften aber nicht mehr zurückkamen und die Werdenberger ihre Rückgabe über Jahre vergeblich forderten, verweigerten sie 1719 dem neuen Landvogt die übliche Huldigung. Dieser Zwist, der als «Werdenberger Handel» bekannt ist, führte unser Ländchen an den Rand eines Krieges und beschäftigte auch die Eidgenössische Tagsatzung. Da die eidgenössischen Herren in solchen Fällen stets zusammenhielten, ende­te er wiederum für die Untertanen unglücklich. Alle Gemeinden mussten hohe Bussen bezahlen. Grabs (mit 4500 Gulden) und die Stadt Werdenberg (mit 4000 Gulden) trugen dabei die Hauptlast der Strafe.

Als die Französische Revolution die alten Herrschaftsstrukturen stürzte, konnten die Werdenberger endlich auf Frei­heit hoffen. Daher begrüssten sie im Herbst 1798 den Einmarsch der Franzosen. Schon im Frühjahr zuvor waren in allen Gemeinden Frei­heitsbäume errichtet worden. Einer stand schon vor der Flucht des Landvogts in Grabs bei der Kirche; ein weiterer befand sich bei der Chilbibrugg mitten im Dorf, ein dritter beim Haus des Volksführers Markus Vetsch im Oberdorf, ein vierter wurde von den Studnern errichtet. Drei weitere Bäume kündeten am Grabserberg von der neuen Zeit. Die Stadtner richteten auf dem Platz im Städtli einen fast zwanzig Meter hohen Baum auf. Getrübt wurde die revolutionäre Freude durch die Einquartierungen, die mit dem wechselnden Kriegsglück Franzosen und Österreicher ins Land brachten.

Im Jahre 1803 wurden durch Schiedsspruch der St. Galler Regierung Schloss und Städtchen Werdenberg der politischen Gemeinde Grabs zugesprochen. Nach 1815 brachen auch für unsere Gemeinde wieder ruhigere, aber nicht weniger bedrückende Zeiten an. Schwer lastete die Not der Kriegsjahre auf der Gemeinde und zwang viele Einwohner, sich in der Fremde eine neue Existenz aufzubauen.

In jüngerer Zeit verlief das Geschick der Gemeinde in ruhigeren Bahnen, und das Augenmerk war vor allem auf die Konsolidierung der wirtschaftlichen Entwicklung gerichtet. Grabs ist heute eine moderne Gemeinde, die darauf achtet, ihre kulturellen Werte zu bewahren, daneben aber sich den ständig neuen Herausforderungen mit ungebrochener Kraft stellt.

Landvogt